Lisa Fitz - Ein Exkurs durch Antisemitismus und Verschwörungsmythen

Eine Analyse

Dr. Jochen Blom, Sprecher Skeptiker Mittelhessen
Judith Klubmann, 2. Vorsitzende Deutsch Israelische Gesellschaft AG Gießen

Am 5. Juli 2023 soll die Kabarettistin Lisa Fitz auf der Bühne im Rosengärtchen mit ihrem Programm 40 Jahre Lisa Fitz: Dauerbrenner! Das große Jubiläumsprogramm auftreten. Lisa Fitz steht massiv in der Kritik, weil sie sich seit spätestens 2017 öffentlich im verschwörungsideologischen Milieu bewegt. So schreckt Lisa Fitz unter anderem nicht davor zurück, mehrfach in der Sendung des reichsbürgernahen Verschwörungstheoretikers Heiko Schrang aufzutreten und sich von RT Deutsch, einem vom Kreml finanzierte Propagandasender interviewen zu lassen, dessen Inhalte in Deutschland mittlerweile nicht mehr verbreitet werden dürfen. Ende 2021 trat Fitz in der SWR-Sendung Spätschicht auf und verbreitete dort die Falschaussage von angeblich 5000 Impftoten. Der Sender reagierte im Nachgang damit, die ausgestrahlte Sendung aus der Mediathek und aus allen Kanälen zu entfernen, da die Aussage faktisch falsch und höchst problematisch sei. Lisa Fitz bedauert im Nachgang zwar von Impftoten und nicht von Verdachtsfällen gesprochen zu haben, beruft sich jedoch auf ihre Quelle, einen Entschließungsantrag der rechtspopulistischen Politikerin Virginie Joron an das EU-Parlament. Frau Joron war unter anderem 2019 zu Besuch in Damaskus, um mit Diktator Baschar al-Assad zu reden. Die "Impftoten" kamen aus einer "Quelle", in welcher jeder Laie im Internet ungeprüft "Impfschäden" eintragen konnte.

Dass Lisa Fitz sich nicht nur gerne öffentlich in verschwörungsideologischen Kontexten zeigt und problematische Aussagen in Kabarettauftritten äußert, zeigt ihr Lied Ich sehe was, was du nicht siehst aus dem Jahr 2018. So titelt Fitz Die Welt wird fieser und an wem mag's liegen? Ich bin umzingelt von Staatsmacht und Intrigen. Bei der Beantwortung dieser Frage kommt Lisa Fitz schnell zu einer Reihe von Schuldzuweisungen: Es rafft noch mehr, wer großen Reichtum hat, und die Menschen neben mir, die werd'n nicht satt. Dabei rückt Fitz unmittelbar eine Gruppe in den Fokus, die Reichtum vermeintlich rafft und dabei nicht satt werde: Eine Anspielung auf das raffende Kapital, welches im verschwörungsideologischen Milieu als eine antisemitische Chiffre gebraucht und verstanden wird. Dem guten schaffenden Kapital wird dabei das parasitäre, raffende Kapital gegenübergestellt. Bereits im Nationalsozialismus wurde diese Form des Judenhasses aufgegriffen und in modernen Antisemitismus transformiert. Der Film Jud Süß ist das anschaulichste Beispiel hierfür.

Konkreter wird Lisa Fitz in der folgenden Textpassage, in der sie die ausgemachten Schuldigen aufführt: Rothschilds, Rockefeller, Soros & Konsorten, die auf dem Scheißeberg des Teufels Dollars horten. Bei diesem antisemitischen Code werden mehrdimensionale Ursachen von Ungleichheiten und komplexe Gesellschaftsverhältnisse personifiziert und vereinfacht. Als Folge werden Einzelpersonen oder angeblich mächtige Gruppen verkürzt als Ursache von Benachteiligungen herangezogen. Diese Annahme endet in letzter Konsequenz immer bei der Beschuldigung von Jüd*innen. Dass Lisa Fitz hier als Sündenböcke unter anderem die Familie Rothschild und George Soros benennt, ist kein Zufall. Sie werden stellvertretend dafür angeführt, dass die Juden angeblich auf unehrliche Weise Reichtum auf Kosten einer vermeintlich ehrlichen Gemeinschaft erlangten. Der Name Rockefeller wird bei dieser Chiffre regelmäßig in einem Atemzug genannt. Dabei spielt es keine Rolle, wer von den Beschuldigten tatsächlich Jude ist. Als angebliche Drahtzieher einer globalen Weltverschwörung werden den aufgeführten Personen jüdische Stereotype zugeordnet oder sie werden als Marionetten einer jüdischen Verschwörung dargestellt. Auch an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um bereits von den Nationalsozialisten genutzte antisemitische Ressentiments handelt. Diese wurden bereits in dem Propagandafilm Die Rothschilds aus dem Jahr 1940 aufgegriffen.

Vor dem Hintergrund der Stadtgeschichte Wetzlars sind nicht zuletzt Fitz Hinweise auf die Rolle des Teufels problematisch, basierend auf einem klassisches antijudaistisches Stereotyp des Juden, der mit dem Teufel im Bunde sei.

Tafel am Wetzlarer Dom
Das Südportal des Wetzlarer Doms

Eine anschauliche Darstellung dieser Form des Judenhasses befindet sich unter anderem am frühgotischen Südportal des Wetzlarer Doms. Ein Hinweisschild rechts neben der Eingangstür weist mit folgenden Worten darauf hin:

Hier am Wetzlarer Dom entstand im 13. Jahrhundert das frühgotische Südportal. Unterhalb der Steinfigur Marias mit dem Kinde, zeigt sich die Darstellung des Teufels, der einen Juden umschlingt.
Durch solche und ähnliche Darstellungen wurden Juden von Christen über Jahrhunderte auf schlimmste Weise herabgewürdigt. Angesichts der Pogrome gegen jüdische Mitbürger in der Vergangenheit und angesichts des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten soll die Darstellung am Wetzlarer Dom und heute Mahnung sein. Wir wollen darauf achten, dass die Würde und die Rechte aller Menschen gewahrt werden.
Die Evangelische Kirchengemeinde Die Katholische Domkirchengemeinde

Tafel am Wetzlarer Dom
Hinweisschild am Wetzlarer Dom

Einen weiteren populären Verschwörungsmythos greift Lisa Fitz in der folgenden Textpassage ihres Liedes auf: Die elitären Clubs der bösen Herrn, denen liegt dein kleines Einzelschicksal so fern. Es gibt sowieso zu viele Esser, ohne die Vielen geht's den Wenigen besser. Hier wird der klassische Verschwörungsmythos von einer durch sinistre Eliten geplanten Bevölkerungsreduktion aufgegriffen. Laut diesem Mythos gibt es von geheimen Machteliten - wie schon beschrieben eine gängige antisemitische Chiffre - weltweit koordinierte Programme zur Reduktion der Weltbevölkerung. Das angebliche Ziel solcher Ausrottungsprogramme sei es dabei nutzlose Esser oder unproduktive Mitglieder der Gesellschaft zu eliminieren bzw. die Bevölkerung auf ein für die Eliten angenehm kontrollierbares Niveau zu reduzieren. In rechtsoffenen Verschwörungsmillieus wird dieser Mythos gerne noch um einen geplanten großen Bevölkerungsaustausch zuungunsten der weißen Rasse ergänzt. Lisa Fitz bietet dankenswerterweise gleich zwei im verschwörungsideologischen Milieu gängige Täterprofile als Verursacher der imaginierten Bevölkerungsreduktion an: Die Kaltblüter mauern unsere Freiheit ein, Jahr für Jahr – ohne Eile – Stein um Stein… Einerseits wird hier der populäre Verschwörungsmythos bedient, dass die Welt insgeheim von "weltweit vernetzten Freimaurern regiert und kontrolliert werde. Dieser Verschwörungsmythos lässt sich in Deutschland mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen und kann als ein allgemein verstandenes und verbindendes Elemente der weltweiten Verschwörungsszene betrachtet werden.

Andererseits wird über die Bezeichnung der finsteren Eliten als Kaltblüter der Verschwörungsmythos der Reptiloiden aufgegriffen. Die Anhänger des Reptiloiden-Mythos glauben daran, dass reptiloiden Humanoiden, welche durch Kreuzung von Menschen mit einer außerirdischen Echsenrasse entstanden sind, nach der Errichtung einer Neuen Weltordnung streben. Popularisiert wurde diese Theorie von David Icke, einem ehemaligen Fußballprofi, der sich seit etwa 1990 zunehmend als Verfasser rechtsesoterischer und antisemitischer Verschwörungsmythen betätigt, und dabei auch gerne zustimmend aus dem antisemitischen Jahrhundertwerk der Protokolle der Weisen von Zion zitiert.

Nicht zuletzt Lisa Fitz Ausführung, dass ein illustrierter Kreis der Puppenspieler die Welt beherrsche, untermauert den Verschwörungsmythos der imaginierten intreganten Eliten: Die Puppenspieler sitzen ganz woanders. Ein illustrer Kreis, oh ja, der kann das. Der Teufel kackt dort auf den Haufen, die können Teile von der Welt sich einfach kaufen. In dieser Textpassage nutzt Fitz das bekannte und in vielen Karikaturen verwendete Bild des geheimen Marionettenspielers. Es knüpft an die Vorstellung an, dass imaginierte, geheime jüdische Mächte im Hintergrund die Weltgeschehnisse lenkten.

Die Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse ist ein zentrales Merkmal von Verschwörungsideologien. Deren Stilmittel ist die Konstruktion einer kleinen, im Verborgenen agierenden Elite, die die Strippen des Weltgeschehens in Händen halte. Als Platzhalter für die Beschuldigten werden in letzter Konsequenz immer wieder Jüdinnen und Juden missbraucht. Oft enden solche verschwörungstheoretischen und gleichsam antisemitischen Projektionen zunächst in Schuldzuweisungen und nicht selten in Gewaltaufforderungen. In Ihrem Liedtext verdichtet Lisa Fitz klassische antijudaistische Bilder sowie antisemitische Chiffren. Um so unangenehmer wird es, wenn Lisa Fitz dazu auffordert, die von ihr ausgemachten Schuldigen aufzustöbern, zu zeigen und enthüllen, sie aus dem Fuchsbau zu jagen und zerknüllen. Es bleibt zu hoffen, dass diesen Worten keine Taten folgen.

Wer jetzt glaubt, Lisa Fitz sei unter dem Eindruck der für die Unterhaltungsbranche sicherlich besonders dramatischen Corona-Krise eventuell etwas abgedriftet, aber danach wieder ins seriöse Fach zurückgekehrt, der irrt. Noch am 4. Februar 2023 hetzt Lisa Fitz in einem 8-minütigen Video über die deutsche Medienlandschaft, so z.B. zum Thema Nachrichten im deutschen Fernsehen. Dabei stellt sie unter anderem den Sturm auf den Reichstag als logische Konsequenz einer von Politik und Medien frustrierten Bevölkerung dar:

Das muss alles hinein in 5 Minuten, und auch noch dem Medienvertrag mit den USA verpflichtet, ganz ein anderes Thema, nicht…?
Wenn man nur ständig berichten würde über Klan-Kriminalität oder wie viele Demonstranten wirklich in Berlin waren, dann wird das Volk unruhig, dann sind die Leute total verunsichert. Oder wenn man zu viel über Migrantenkriminalität und Messerstechereien realistisch berichtet, da wühlt man auf, da gibt es einen Volksaufstand, Revolte, Migranten gegen Biodeutsche, all das scheußliche Zeug.
Also beruhigt man sie ein bisschen, sediert, Opium.
Und die anderen, die notorischen Zweifler so wie ich, da ist es so: Wenn man annehmen und zu einem Verdacht verdichten müsste, also die Annahme, dass die hochbezahlten Regierenden wirklich so unfähig sind die Welt zu gestalten, und so blöd und so wenig in der Lage Wahrheit ehrlich und klar zu kommunizieren [...] und das immer weiter schönzureden, ‘Deutschland geht’s gut, die Sonner scheint, wir schaffen das, auch der zwanzigste Lockdown macht der Wirtschaft nichts aus, die Pharma korrumpiert uns nicht’ und was weiß ich, sie wissen es selber, dann würden sich viele umbringen, oder: Sturm auf den Reichstag

Verschwörungsmythen sind keine Kritik, sie sind die Suche nach Schuldigen und der Wunsch nach Bestrafung. Die meisten Verschwörungsmythen haben einen antisemitischen Kern oder enden oft in judenfeindlichen Anschuldigungen. Antisemitismus ist jedoch kein reines Vorurteil, sondern ist ein antimodernes Ressentiment, vielmehr ein allumfassendes Welterklärungsmuster. Der Antisemitismus projiziert antijüdische Vorurteile auf Jüd*innen und baut auf einer Angst vor dem Übermächtigen auf. Dennoch kann Antisemitismus auch ohne den konkreten Begriff Jude auskommen. Nach der Shoah ist es gerade in Deutschland fast unmöglich, konkret Jüdinnen und Juden als vermeintlich Schuldige direkt zu benennen. Dennoch passen sich alte Stereotype und Ressentiments an die jeweilige Zeit an. So können Begriffe „wie die da oben“ und ähnliche Chiffren für die Erschaffung antisemitischer und verschwörungsideologischer Vorstellungen dienen. Die imaginierte Sündenbockfunktion bleibt demnach auch bestehen, wenn der Begriff Jude nicht fällt.

Immer wieder wird angeführt, dass Aussagen, wie die von Lisa Fitz, von der Meinungsfreiheit gedeckt seien. Es besteht jedoch ein Unterschied darin, ob jemand die eigene Meinung äußert oder ob dieser Person auf einem Festival eine Bühne geboten wird. Die Gefahr, die von Antisemitismus ausgeht, ist aktueller denn je. Laut dem Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) ist die Zahl der antisemitischen Vorfälle von 1.957 erfassten deutschlandweiten Vorfällen im Jahr 2020 auf 2.738 Vorfälle im Jahr 2021 bundesweit gestiegen, wobei RIAS von einer hohen Dunkelziffer ausgeht.
Antisemitische Vorfälle zeigten sich insbesondere auf den Demonstrationen von Corona-Leugner*innen. Hier findet sich insbesondere der Post-Shoah-Antisemitismus in Form einer Opfer-Täter-Umkehr wieder. Ob Judensterne mit der Aufschrift Ungeimpft, Demonstrant*innen, die sich aufgrund der Coronapräventionsmaßnahmen mit Holocaust-Opfern gleichstellen oder Aufforderungen, Politker*innen, Rothschilds und Soros zu jagen - das Spektrum ist vielfältig und erschreckend. In Wetzlar finden Demonstrationen aus Querdenker*innen montäglich statt, auch aktuell noch. Dass dabei zum Widerstand gegen Politiker*innen, Personengruppen und Einzelpersonen aufgerufen wird, rückt die Stadt Wetzlar in kein gutes Licht. Die Demonstrant*innen schrecken dabei nicht davor zurück auf ihrer Route antisemitische und diffamierende Hetzschreiben in die Briefkästen von bekennenden Jüd*innen einzuwerfen.

Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Rosengärtchen
Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Rosengärtchen

Die einzige Möglichkeit, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, ist Prävention und Aufklärung sowie ein klares NEIN zu Verschwörungsideologie und Antisemitismus. Der Auftritt von Lisa Fitz bei den Festspielen ist nicht allein deswegen problematisch. Ihr Auftritt soll keine 100 Meter vom Wetzlarer Holocaustmahnmal entfernt stattfinden, darüber hinaus in fußläufiger Entfernung zum Wetzlarer Dom. Die dort angebrachte Gedenktafel zeigt auf, welche unangenehme Rolle Judenfeindlichkeit in der Stadtgeschichte spielt. Insbesondere in einer Stadt, die ihre antisemitische Geschichte reflektiert und aufarbeitet, sollten sich die Veranstalter*innen und Verantwortlichen der Festivitäten Gedanken machen, ob sie es sich leisten können, einer Kabarettistin wie Lisa Fitz eine Bühne zu bieten. Antisemitismus und Rassismus entgegenzutreten, ist unsere tägliche Aufgabe, mahnt der Stadtverordnetenvorsteher Udo Volck vor dem Mahnmal am 27. Januar 2023, anlässlich des Holocaustgedenktags. Der Einsatz gegen Antisemitismus darf keine leere Worthülse bleiben. Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit sind ein wichtiges und besonders schützenswertes Gut. Wenn Satire und Kunst jedoch als Vehikel genutzt werden, um antisemitische Chiffren in der Öffentlichkeit zu inszenieren und Feindbilder zu stilisieren, werden Grenzen bewusst überschritten. Wenn Künstler*innen öffentliche Auftritte nutzen, um Feindbilder zu stilisieren, die in antisemitischen Klischees münden, sind Verantwortliche gefragt, dem Einhalt zu gebieten. Kunstfreiheit darf nicht missbraucht werden, um Antisemitismus wieder salonfähig zu machen. Solange das nicht gewährleistet werden kann, plädiert das Bündnis dafür, Lisa Fitz in Wetzlar keine Bühne zu bieten.

Um sich dem Bündnis anzuschließen, wenden Sie sich an:
kontakt@keine-buehne-fuer-antisemitismus.de